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anders als erwartet..

  • Autorenbild: Monika Frey-Rahoui
    Monika Frey-Rahoui
  • 12. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Ich wuchs mit den Geschichten meiner Großmutter, einer passionierten Landhebamme mit einem Erfahrungsschatz von unzähligen Hausgeburten, auf.

Obwohl sie lange vor meiner eigenen Geburt in die Pension gegangen war, ließ sie dieser Beruf nie ganz los.

Ich kann mich an viele Nachmittage erinnern, sie Wolle spinnend oder Socken strickend, ich zu ihren Füßen mit unzählig vielen Fragen über das Frausein und das Gebären.

Es sind Erinnerungen, dich ich hüte wie ein Schatz und als der Moment kam, als ich selbst einen positiven Schwangerschaftstest beinahe fünf Jahre nach ihrem Tod in den Händen hielt, wusste ich tief in mir drinnen, dass ich mit der Geburt einen außerklinischen Weg beschreiten wollte, auch wenn für mich eine Hausgeburt in einer Wohnung zu diesem Zeitpunkt keine Option war.


So kam es, dass ich mit dem Geburtshaus Kontakt aufnahm und wenige Wochen vor dem ersten Corona Lockdown Moni kennen lernte.

Von Anfang an hat die Chemie zwischen uns gestimmt und ich habe mich sehr wohl gefühlt.

Als schließlich die Welt wie wir sie kannten hinter verschlossenen Türen endete, die Ängste ob der Risiken des neuen Virus auf Mutter und Kind entflammten und zum Teil Väter aus dem Kreissaal verbannt wurden, fühlte ich mich in der Entscheidung ins Geburtshaus zu gehen tausendfach bestärkt.

Mein Mann und ich wollten das gemeinsam durchstehen, als Team und auf gar keinen Fall getrennt werden.

Leider verlief meine Schwangerschaft nicht ganz komplikationslos, denn bei meinem ungeborenen Kind wurden beim Organscreening in der zwanzigsten Woche Fehlbildungen an einer Niere festgestellt.

Es zog mir den Boden unter den Füßen weg, ich war alleine mit Maske bei einem fremden Arzt mit wenig Einfühlvermögen, der bloß meinte „Naja Kampfsportler sollte er nicht werden“. Laut Arzt war das Kind nun risikobehaftet, eine Entbindung laut ihm außerklinisch und ich zitiere wörtlich: „Eine absolute Katastrophe“.

Erst Gespräche mit meiner Gynäkologin und später auch mit Moni konnten mich wieder beruhigen. Mit einer Niere kann das Kind gut leben und sofern nicht weitere Probleme auftauchten wäre einer Geburt im Geburtshaus nichts entgegen zu setzen. Und an diesem Plan hielten wir fest.


Als 13 Tage vor errechnetem Termin in der Nacht von Montag auf Dienstag die Wehen einsetzten, waren mein Mann und ich euphorisch.

Es war mitten in der Nacht, ich hatte vielleicht zwei Stunden geschlafen, als ich wie üblich aufstehen und auf die Toilette gehen musste. Das war der Moment als ich zum allerersten Mal in meinem Leben eine Wehe spürte.

Ich war so zuversichtlich und freute mich nun endlich einem Ende der Schwangerschaft entgegen blicken zu können.

Denn die Sommermonate waren hochschwanger eine echte Belastung gewesen, Wassereinlagerungen, Schmerzen und Karpaltunnelsyndrom aufgrund des angestauten Wassers.


Doch es kam alles anders, gegen halb 6 Uhr morgens, nach ein paar Stunden Wehen kontaktierten wir Moni, die dann auch zu uns nach Hause kam, mit einem ernüchternden Ergebnis, Muttermund leicht verkürzt und ein Zentimeter geöffnet.

Moni sprach uns Mut zu, versicherte uns, dass die Latenzphase bei allen Frauen unterschiedlich lange dauern würde und wir es uns erstmal gemütlich machen, gut Essen und vielleicht etwas spazieren gehen sollten. 

Tagsüber blieb es dann einigermaßen ruhig, die Frequenz der Wehen beruhigte sich auf alle 15 Minuten. Ich konnte dösen und entspannen.

Am Abend folgte der nächste Besuch von Moni mit dem beinahe identen Ergebnis wie vormittags. Es hieß durchhalten.

In der Nacht nahmen die Wehen wieder zu, wir konnten kaum schlafen, mein Mann und ich kämpften uns von Wehe zu Wehe mit kleinen Powernaps zwischendurch. Der Mittwoch kam und der Mittwoch verging.

Moni besuchte uns immer wieder und hatte weiterhin keine guten Nachrichten. Ich war erledigt, am Ende, meine Geduld war erschöpft.

Es tat sich überhaupt nichts, ich war auf zwei Zentimeter Öffnung stehen geblieben mit Wehen alle fünf Minuten.

Dann endlich kurz vor Mitternacht hatte ich Schmierblutungen, die Intensität der Wehen nahm sofort zu.


Moni kam und attestierte uns, dass wir nun endlich die drei Zentimeter erreicht hätten und in den Morgenstunden ins Geburtshaus übersiedeln könnten.

Sie würde alles vorbereiten und wir sollten gegen fünf Uhr aufbrechen um später nicht in den Berufsverkehr zu gelangen.

Es folgte eine weitere fast schlaflose Nacht, aber wir waren das erste Mal seit Tagen super positiv gestimmt, endlich entwickelten sich die Dinge in die richtige Richtung.

Meine eigene Mutter hat ihre Kinder alle an einem Donnerstag bekommen und als die Uhr Mitternacht und somit den Beginn des Donnerstages anzeigte war ich so euphorisch wie es mit Wehen alle paar Minuten, Müdigkeit und Übelkeit nun eben geht. I

Ich wusste, heute war es soweit, heute würde unser Kind das Licht der Welt erblicken. Durchhalten und am Ende des Tages ein Baby kuscheln. 


Es war sechs Uhr, als ich mich in die Geburtsbadewanne im roten Gebärzimmer sinken ließ. Mein Bauch berührte das warme Wasser und vorbei war es mit den konsistenten, regelmäßigen Wehen.

Zu diesem Zeitpunkt ließen wir es geschehen, ich bekam Pause, mein Mann schlief ein bisschen. Wenig überraschend blieb mein Muttermund während der Zeit in der Wanne bei 4 Zentimetern stehen. Es tat sich wieder nichts.

Also raus aus der Badewanne und ab zur Akupunktur. Und ab diesem Zeitpunkt ging es richtig los.

Kaum war die erste Nadel gesetzt, spürte ich wieder stärkere Wehen, die in immer kürzeren Abständen kamen.

Dazu kam ein immenses Druckgefühl wodurch ich nicht mehr klar zwischen Wehe und Pause unterscheiden konnte. 

Wir versuchten unterschiedliche Positionen und gegen Mittag wollte Moni dann die Fruchtblase öffnen.

Wie sich herausstellte, war diese bereits unbemerkt geplatzt, vermutlich in der Badewanne.


Es folgten intensive Stunden und die Frage, ob ich doch ins Krankenhaus verlegt werden müsste, denn ich war komplett am Ende meiner Kräfte und trotz intensiver Wehen war der Fortschritt schleppend.

Um kurz nach dreizehn Uhr dann endlich die erlösende Nachricht – acht Zentimeter. Halleluja! Ich wurde in Begleitung von Matthias auf die Toilette geschickt, zum Blase entleeren und kann mich noch ganz genau daran erinnern, dass ich auf die Uhr geblickt habe: 13:24. Und dann kam sie, die erste Presswehe und mit ihr wieder ein neuer Schub an Energie. 


Es folgten Stunden in denen wir in allen erdenklichen Geburtspositionen versucht haben das Kind endlich aus mir raus zu kriegen.

Mit wenig Erfolg, die Wehen ließen wieder nach, die Abstände wurden länger.

Letztendlich schafften wir es in der tiefen Hocke mein Kind aus mir hinauszupressen. Gemeinsam, mein Mann hinter mir, Moni vor mir und Elisa die Hebammenstudentin an meiner Hand.

Um 16:24 kam mein Kind auf die Welt, zart und klein und schreiend. Abgesehen von einer kleinen Abschürfung hatte ich keine Verletzungen davongetragen, was für ein Glück. 


Letztendlich riet uns Moni statt nach Hause dann doch noch ins Krankenhaus zu fahren. Es gab mehrere Indizien, dass vielleicht ein Herzfehler vorliegen könnte und damit wäre nicht zu spaßen. Dieser Verdacht sollte sich nicht erhärten.


Da wir keine guten Erinnerungen an das Krankenhaus und die Tage nach der Geburt haben, entschieden wir uns auch beim zweiten Kind wieder für eine außerklinische Geburt.

Wir waren gerade mitten im Hausbau, wussten nicht ob wir rechtzeitig vor der Geburt des zweiten Kindes einziehen könnten und wie groß die Baustelle noch wäre. Ich konnte mich deshalb nicht festlegen, ob ich ein zweites Mal im Geburtshaus oder dann doch lieber zuhause gebären wollen würde. 


Rückblickend meint mein Mann, dass ich sehr wohl gewusst habe, dass es eine Hausgeburt werden würde und auch Moni dürfte es geahnt haben.

Immer wieder griff sie das Thema auf, bestärkte mich, ja riet mir fast dazu, denn nach der ersten Geburt war klar, dass mein Kopf eine riesengroße Rolle spielt.

Ich kann nicht besonders gut loslassen, war eigentlich immer klar bei Sinnen. Richtig weggetreten und kaum noch ansprechbar war ich bloß in der Badewanne.

Jede noch so kleine Veränderung hatte meinen Geburtsvorgang verlangsamt.

Die Hausbesuche von Moni in der Latenzphase, das Hinfahren ins Geburtshaus, das Eintauchen ins Wasser.

Je mehr wir von diesen Verlangsamungen wir ausschließen konnten, desto schneller würde es gehen, zumindest in der Theorie.


Und tatsächlich ein paar Tage nach dem errechneten Termin, an einem Mittwochabend setzten die Wehen ein. Wir waren bereits im Haus eingezogen, hatten erst vor ein paar Wochen Innentüren montiert und ab dem Zeitpunkt war für mich klar, ich bewege mich hier nicht weg. 

Mein großes Kind war bereits im Bett, meine Mama auf dem Weg zu uns ins Haus mit dem Auftrag sich um das Erstgeborene zu kümmern, damit mein Mann und ich all unseren Fokus auf die Geburt lenken konnten. Alles lief nach Plan.

Ich hatte mir selbst fest vorgenommen die Wehen besser zu verarbeiten, mich mehr treiben zu lassen und die Latenzphase kurz zu halten. 


Kurz vor Mitternacht waren alle da, meine Mama, Moni und eine Hebammenstudentin.

Ich stieg in die Badewanne und blieb dort drinnen, bis das heiße Wasser ausging.

Bei Kerzenschein und gemeinschaftlichem Tönen ging die Geburt voran.

Jedoch wieder langsamer als erwartet.

Ich war so genervt, dass es dauerte, wollte eine schnelle Geburt und als dieser Traum mit jeder vergangenen Minute weiter in die Ferne rückte war ich richtig wütend.

Moni schickte uns schlafen, wir sollten zumindest versuchen ein wenig zu schlafen.

Es hat eher schlecht als recht funktioniert.


In den frühen Morgenstunden zeichnete sich dann ein neuer Planwechsel ab.

Moni riet mir entweder ins Geburtshaus zu fahren oder meine Mama und mein anderes Kind schnellstmöglich nach dem Aufstehen außer Haus zu schicken.

Sie war der festen Überzeugung, dass ich mit Kind und Mutter nicht den notwendigen, mentalen Abstand schaffen würde und die Geburt sich noch länger ziehen würde.

Da der Gedanke an Kleidung an meinem Körper derart abstoßend war, musste meine Mama mit Kind im Schlepptau von Dannen ziehen. Und das tat sie im Rekordtempo.

Sobald das große Kind wach war, waren sie auch schon weg.

Da die Studentin Vorlesungen hatte, musste sie ebenfalls unser Haus verlassen und Moni rief Rotraud zur Verstärkung.

Da ich aber so hin und hergerissen gewesen war zwischen Geburtshaus und Hausgeburt, fuhr Rotraud ohne unser Wissen ins Geburtshaus. 


Es war kurz nach sieben Uhr als es im Haus langsam leise wurde, die Sonne strahlte durchs Fenster und ich blickte auf die Uhr und wusste plötzlich, dass ich nur noch eine Stunde durchhalten musste. Obwohl zu diesem Zeitpunkt nichts auf ein baldiges Ende hindeutete.

Mein Mann und Moni füllten mir die Badewanne, es gab endlich wieder warmes Wasser, und ich verlegte meinen geschundenen Körper wieder zurück ins wohltuende Nass.

Dann sprang die Fruchtblase und gleich darauf starteten die Presswehen.

Ich blieb in der Wanne, kniend über den Rand gebeugt, presste ich mein Kind aus mir.

Um 8:04 war mein zweites Kind auf der Welt.

Es war friedlich und wunderschön.

Mein Kind schrie sofort, temperamentvoll strampelte es sich ab, wollte sofort zur Milch. 


Nach wunderschönen Kuschelminuten im Wasser, half mir mein Mann aus der Wanne und beim Abduschen.

Währenddessen läutete die Hausglocke, Moni ging mit Kind in der Hand zur Türe im Glauben gleich Rotraud vor sich zu haben.

Falsch gedacht, es waren die Rauchfangkehrer, die sich mit den Worten; „Dann kommen wir später wieder“ verabschiedeten. 


Auch wenn diese Geburt länger und schwieriger war, als ich mir das erhofft hatte, so war sie doch ein rundum heilendes Erlebnis.

Wir durften die ersten Stunden danach im eigenen Bett verbringen, ich hatte keine Geburtsverletzungen und war unglaublich euphorisch.

Ich war nicht wie nach der ersten Geburt unendlich erschöpft, musste mich nicht mit Krankenhauspersonal herumschlagen, durfte einfach nur die ersten Stunden mit meinem zweiten Kind genießen.

Ohne Ablenkung in der sicheren Umgebung unseres neuen Zuhauses. 


Und wer sich fragt ob die Rauchfangkehrer zurückkehrten, die Antwort ist ja. 

 
 
 

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Dipl. Hebamme Monika Frey-Rahoui
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